Aus meiner Sicht war es, wie Napoleons Außenminister Talleyerand formuliert hätte, schlimmer als ein Verbrechen, es war ein Fehler, dass Deutschland sich im Jahre 2003 nicht auf die Seite der Amerikaner und Engländer gestellt hat im Streit um den Irak.
Unter uns gesagt: Ich bin sogar der Meinung, dass im Grunde der französische Präsident Chirac und sein kleiner deutscher Kumpel, der falsche Pazifist und Bundeskanzler Schröder eine große Mitschuld am Irakkrieg der Amerikaner und Briten gegen das Terror-Regime von Saddam Hussein haben. Der Krieg vor drei Jahren hätte womöglich vermieden werden können. Warum Schuld? Weil der Diktator Hussein vorsorglich abgetreten wäre, wenn der Westen mit einer Zunge gesprochen, mit einer Faust gedroht und gemeinsam gehandelt hätte. Ja, ich denke, dass die Deutschen und die Franzosen Schuld am Schicksal dieses Monumental-Lumpen sind. Weil sie durch ihre Appeasement-Politik Saddam Hussein in Bagdad getäuscht haben, weil sie ihm vor dem Krieg die Illusion suggerierten, er käme mal wieder elegant davon und abermals durch, mit seinen totalitären Tricks, blieb der Diktator stur. Dieser ausgekochte Überlebenskünstler und panarabische Nationalsozialist der Baath-Partei in Bagdad hätte nachgegeben und das Angebot eines Luxus-Exils in Saudi-Arabien angenommen, wenn ihm damals eindeutig klar gewesen wäre, dass er aus seinen parfümierten Kitschpalästen gejagt wird und in einem stinkenden Erdloch landet. Wenn damals Saddam Hussein gewusst hätte, dass er seine monströsen Söhne verliert, seine affige Allmacht, seine kriminellen Familienbande, und am Ende in einem Eisenkäfig vor Gericht steht und am Galgen endet, hätte er den Schwanz eingezogen, denn er ist kein wahnsinniger Hitler.
Der schlaue Saddam rechnete damals nicht damit, dass Bush und Blair so naiv sind und einen Krieg wagen, ohne ihre wichtigsten Verbündeten Chirac und Schröder...
Mecklenburger
(20.10.06 12:58)
Blödsinn alles!
Jedes Volk hat die Regierung, die es verdient! Wäre damals die Nato geschlossen in der DDR einmarschiert, z.B. wegen des Schießbefehls an der Mauer, dann gäbe es jetzt Europa nur noch als Mondlandschaft.
Warum können die Völker im Nahen Osten ihre Despoten nicht selbst absägen!!??
Weil sie vom Westen gestützt werden (Saudis, Ägypten usw.).
Man sollte die einfach mal vor die Wand laufen lassen.
HPH
/ Website
(20.10.06 13:32)
Bravo Herr Biermann!!!
Aber die gleiche Appeasement-Politik wird nun WIEDER dem Iran gegenüber ausgeübt...
Die feigen europäischen Politiker-Lumpen werden DANN erst wieder ein Geschrei aufführen, wenn die USA die Drecksarbeit für uns verrichten müssen...
HPH (der gar nicht soviel essen kann, wie er kotzen möchte)
Mahlzahn
(20.10.06 14:11)
Dem gibt es nichts hinzuzufügen, genau den Gedanken der Mitschuld von Chirac und Schröder...
..."Weil der Diktator Hussein vorsorglich abgetreten wäre, wenn der Westen mit einer Zunge gesprochen, mit einer Faust gedroht und gemeinsam gehandelt hätte."...
...hatte ich schon immer vertreten.
silvia
(20.10.06 14:20)
Appeasement-Politik,zum besseren Verständnis und übersetzt,
die Abwiegelungspolitik
die Besänftigungspolitik
die Beschwichtigungspolitik.
Biermann geht hier doch nur seinem für Linksradikale triebhaften Bedürfnis nach, die (kollektive und immerwährende) Schuld bei allem Deutchen zu suchen:
"...ein Verbrechen, es war ein Fehler, dass Deutschland..."
Wahrcheinlich ist Biermann nur etwas orientierungslos und verwirrt, seitdem neue Akteure auf der Weltbühne aufgetreten sind, die in kein stures Rechts-Links-Schema passen.
Gudrun
/ Website
(20.10.06 14:27)
Mahlzahn, das ist aber nicht so einfach. Frankreich hatte handfeste strategische und finanzielle Interessen im Irak. 6 Milliarden Dollar öffentlicher Schulden, dann noch Milliarden Schulden bei französischen Unternehmen führten dazu, daß Frankreich die USA hat ins offene Messer rennen lassen. Jeder weiß, daß ein demokratischer Irak sich nicht an Frankreich, sondern an den USA orientiert hätte - wo, wie heute Vietnam. Und das Geld wäre auch futsch gewesen.
Ich habe die Biermann-Rede mit einigen Erläuterungen beim Schaf verlinkt. Die Rede ist super!
Mecklenburger
(20.10.06 16:13)
Für all die Idioten und Sofa-Krieger hier Bilder zum Nachdenken:
http://stern.de/unterhaltung/fotografie/573705.html?nv=fs&cp=6
Hier noch mehr:
http://stern.de/unterhaltung/fotografie/573705.html?nv=fs&cp=1.
Wer von denen, die hier rumkrakelen und nach "Weltpolitischer Verantwortung" schreien hat denn schon mal ein Gewehr in der Hand gehabt oder lag unter Feuer? Wievielen Eurer Kinder fehlt ein Bein?
Mir
(20.10.06 16:43)
Die Theorie, daß Saddam sich von einem französischen und deutschen Mitwirken hätte beeindrucken lassen, ist schön, aber unrealistisch. Bestenfalls wäre es gelaufen wie gegenüber Iran: Vielleicht (!) wird deren Atomprogramm dadurch etwas verzögert, daß die sich immer mal wieder mit den "pazifistischen" Ländern gut stellen, ihnen ein paar Bröckchen names Verhandlungen hinwerfen müssen, damit diese sich weiter der Illusion hingeben können, alles ihnen Mögliche zu tun und trotzdem das moralische Gewissen der Welt sein zu können. Im Hintergrund wäre auch bei Saddam alles so weiter gegangen wie bisher. Man darf nicht vergessen, daß alles durch Drohungen erreichte mit Sicherheit dweiter urch die UNO hätte kontrolliert und durchgesetzt werden sollen. Ein Blick auf das Desaster im Libanon zeigt, daß das Problem damit also höchstens um ein paar Jahre verschoben worden wäre.
Davon abgesehen hat Gudrun natürlich ganz recht mit der Feststellung, daß Frankreich, Rußland und andere handfeste Interessen verfolgten (die deutsche Politik diente weitgehend nur den Interessen des "Friedenskanzlers"). Nimmt man dazu den in Deutschland typischerweise weitgehend ignorierten Öl-für-Lebensmittel-Skandal und die nicht weniger ignorierte sonstige Korruption und Unfähigkeit der UNO, so wird schnell klar, daß eine Einigkeit ohnehin unrealistisch war.
Gudrun
/ Website
(20.10.06 17:04)
Mit dem Irak ist es wie mit Israel und den Palästinensern, es ist wie mit dem Iran, wie grundsätzlich mit allen strategisch und wirtschaftlich wichtigen Weltgegenden: die Interessen der USA und der alten EU-Länder D, F, I und Es (Spanien) sind nicht kompatibel. Soweit zum europäischen Thema "Anstreben einer multipolaren Welt". Die genannten Europäer sind die ersten, die sich mittels Intrigen Vorteile verschaffen, allen voran Frankreich. Die Zukunft ihrer Bevölkerung interessiert die Politiker dabei nicht.
Schikora
(20.10.06 17:07)
(1) Vor, waehrend und nach der militaerischen Invasion des Irak im Fruehjahr 2003 stand die Regierung Schroeder-Fischer - anders, als Biermann behauptet - auf der Seite der USA und Grossbritanniens. Ende 2002 hatte Aussenminister Fischer - auch ein "falscher Pazifist", wie Biermann Schroeder durchaus zutreffend nennt - der Rechtsauffassung der Bundesregierung Ausdruck gegeben, ein einseitiges Vorgehen der "internationalen Staatengemeinschaft OHNE einen weiteren Beschluss des Weltsicherheitsrates sei durch die vorliegenden Resolutionen gedeckt. Auch "materiell" unternahm Deutschland nichts, was in irgend einer Weise auf das Bemuehen hingedeutet haette, eine Invasion des Irak zu verhindern. Daran aendert die - wahlstrategisch motivierte - peinliche Anti-Kriegs-Rhetorik des ersten Angriffskriegskanzlers einer deutschen Demokratie nichts.
(2) Abgesehen von der etwas schmuddeligen Belustigung ueber Saddam Hussein und die Erschiessung seiner Soehne: Was die "Befreiung" des Irak etwa fuer die christlichen Gemeinden des Zweistromlandes bedeutete, uebergeht Biermann souveraen. Natuerlich gilt es als "politically correct", den gestuerzten Saddam Hussein zu verdammen. Respekt haette mir jedoch eine Verurteilung des "gemaessigt"-islamistischen Kurses der derzeitigen Regierung des Irak und eine Solidaritaetserklaerung fuer die verfolgten Christen und die anderen Opfer des Islamismus abgenoetigt.
Mir
(20.10.06 17:53)
>>Auch "materiell" unternahm Deutschland nichts, was in irgend einer Weise auf das Bemuehen hingedeutet haette, eine Invasion des Irak zu verhindern.
Und das ist auch gut so. Schlimm genug, daß Schröder zu Wahlkampfzwecken so tat und damit in Wahrheit den Handlungsspielraum Deutschland eben nicht nur gegenüber den USA noch mehr einschränkte.
>> Respekt haette mir jedoch eine Verurteilung des "gemaessigt"-islamistischen Kurses der derzeitigen Regierung des Irak und eine Solidaritaetserklaerung fuer die verfolgten Christen und die anderen Opfer des Islamismus abgenoetigt.
Respekt hätte mir eine Solidaritätserklärung für die Opfer Saddams abgenötigt. Vor der Befreiung hätte ich die gern von den "Pazifisten" gehört. Jetzt würde ich sie gern einmal von denjenigen hören, die Saddams Irak nachträglich als Hort der Stabilität und der Menschenrechte in der Region darstellen.
PS: Damit sind nicht in erster Linie Sie gemeint, Schikora.
Meine Solidaritaet gilt ALLEN Irakern, die fuer einen nicht-islamischen, saekularen Irak eintreten. Darueber hinaus bin ich selbstverstaendlich der Auffassung, dass auch alle Gewaltverbrechen, die vom irakischen Baath-Regime ausgingen, juridisch zu ahnden sind.
Wenn Sie ganz ehrlich zu sich selbst sind, muessen Sie allerdings zugeben, dass fast niemand in der westlichen Welt "Saddams Irak nachträglich als Hort der Stabilität und der Menschenrechte in der Region" darstellt. Tatsaechlich gehoere ich zu den wenigen, die der Auffassung sind, dass die Re-Islamisierung des Irak als solche als Ausdruck eines menschenrechtlichen Rueckschritts gelten muss. Auch die deutschen "Gutmenschen" hingegen, die sich 2002/03 in die regierungskonformen sog. "Friedensdemonstrationen" einreihten, laesst das Schicksal irakischer Islamismus-Opfer offensichtlich weitgehend kalt.
aletheia
/ Website
(20.10.06 22:46)
Doch!
Wolf J. Bell im Kommentar des Bonner Generalanzeigers hat am letzten Montag Saddam als Hort der Stabilität gelobt und natürlich überall auf der Welt die USA für schuldig erklärt.
Was für ein Bild wirft das auf die angeblich atlantisch-geläuterte Elite Westdeutschlands.
Bell war jahrzehntelang Hauptstadtkorrespondent und in Wirklichkeit nur ein verkappter Deutschnationaler!
Aber Saddam Hussein wird von fast niemandem als Garant der Menschenrechte qualifiziert. Dass der baathistische Irak im Hinblick auf den Khomeinismus allerdings als eine Bastion nationalstaatlich-saekularer Ordnungspolitik in der Region galt (und dies mit guten Gruenden), war zumindest in den 1980er Jahren in breiten Kreisen der "westlichen" Politik und Oeffentlichkeit Konsens. Bemerkenswert, wie Saddam Hussein heute ausgerechnet Gewaltexzesse als Voelkermord-Verbrechen zur Last gelegt werden und als massgebender Beweis fuer die nahezu unubertreffliche Boesartigkeit seines Regimes gehandelt werden, die im Kontext des irakisch-iranischen 1. Golfkrieges (1980-88) veruebt wurden.
P. S.: Inwiefern stellt der Terminus "Deutschnationaler" fuer Sie ein Schimpfwort dar? Sind es "Deutschnationale", die - als Multikulturalisten getarnt - einen der gewichtigsten Industriestaaten Europas zu einer pro-islamistischen Canossa-Republik gemacht haben?
Mir
(21.10.06 17:13)
Es stimmt natürlich nicht, daß es nur um den 1. Golfkrieg ginge. Nach dem 2. Golfkrieg war das Regime eher noch brutaler. Aber immerhin wurden Saddams Opfer ganz profan erschossen und nicht wie von Islamisten geköpft oder gesteinigt. Insofern wirklich ein Ausdruck von nationalstaatlich-saekularer Ordnungspolitik. Na ja, "einige" wurden auch vergast. Aber das sind wohl Nebensächlichkeiten.
Man kann es nicht oft genug sagen: Unter Saddam starben in einem vergleichbaren Zeitraum mehr Menschen im Irak als jetzt.
"Es stimmt natürlich nicht, daß es nur um den 1. Golfkrieg ginge. Nach dem 2. Golfkrieg war das Regime eher noch brutaler."
Laesst sich dies, etwa aufgrund von Statistiken ueber die Todesopfer des Regimes, belegen?
Schikora
(22.10.06 00:08)
"Aber immerhin wurden Saddams Opfer ganz profan erschossen und nicht wie von Islamisten geköpft oder gesteinigt. Insofern wirklich ein Ausdruck von nationalstaatlich-saekularer Ordnungspolitik."
Richtig ist: Die barbarischen Methoden, auf die die Islamisten bei der Toetung ihnen ausgelieferter Menschen zurueckgreifen, sprechen Baende ueber den Zivilisationsgrad des Werte- und Normensystems dieser "Gotteskrieger". Noch entscheidender aber ist: Islamisten schlachten in "Friedenszeiten" unter ihrer Herrschaft friedliche Menschen dahin, weil sie sich elementarster Regungen individueller Freiheit schuldig machen. Was Saddam Hussein zur Last gelegt wird, sind Gewaltexzesse, die der Aufrechterhaltung der POLITISCHEN Ordnung - auch gegenueber Islamisten - dienen sollten; diese Ordnung GARANTIERTE nicht zuletzt jene elementaren Rechte des individuellen Einzelnen, sich etwa als Frau auch im Sueden des Irak unverschleiert zu zeigen oder sich zu einer christlichen Gemeinde des Landes zu bekennen. Dies entschuldigt nicht die menschenrechtswidrigen Methoden der Baathisten, laesst aber die Identifikation Saddam Husseins mit einem "Islamofaschismus" (als dessen Gegner beispielsweise den "Antideutschen" dann ausgerechnet Bush und Blair gelten) als unsinnig erscheinen.
Schikora
(22.10.06 00:09)
"Na ja, 'einige' wurden auch vergast. Aber das sind wohl Nebensächlichkeiten."
Wenn die westliche Oeffentlichkeit besser mit der historischen Tatsache des Einsatzes von Giftgas durch die Briten gegenueber Bewohnern des Irak vertraut waeren, wuerden sich Apologeten der Invasion des Irak mit der Daemonisierung Saddam Husseins als eines geradezu einzigartig boesartigen Kriegsverbrechers selbstverstaendlich zurueckhalten. In den Augen dieser Leute (nicht in meinen!) wuerde "Halabja" zu einer "Nebensaechlichkeit" in gleichem Masse, wie mittlerweile das Argument, der Irak sei im April 2003 von einem Folterregime befreit worden, auf Hohngelaechter stoesst: Dass irakische Gefangene sich nicht zum Vergnuegen an der Hundeleine herumfuehren liessen, um ihre Befreiung vom Folterer Saddam Hussein nachzuspielen, laesst sich eben schwer verkaufen.
Schikora
(22.10.06 00:15)
"Man kann es nicht oft genug sagen: Unter Saddam starben in einem vergleichbaren Zeitraum mehr Menschen im Irak als jetzt."
Mir kommt es darauf an, dass Menschen im Irak (wieder) menschenwuerdig leben koennen, auch wenn es sich nicht um muslimische Maenner handelt. Als Verfechter der europaeischen Zivilisation werde ich mich niemals mit Gewaltkonstrukten abfinden koennen, die ihre "Legitimitaet" darauf gruenden, dass ihre Aufrechterhaltung ein Weniger an Toten erfordere. Eine auf dem Islam beruhende Verfassungsordnung entbehrt jenes zivilisatorischen Minimums, das es erlauben wuerde, von einer "Wertegemeinschaft" mit den gegenwaertig im Irak Regierenden auszugehen.
Mir
(22.10.06 04:26)
Mit vergangenen Untaten die heutigen wenn auch nicht rechtfertigen, so doch relativieren? Da hätte ich mehr von Ihnen erwartet. Mit der gleichen Argumentationsweise versuchen doch auch unsere Gutmenschen ständig, die von uns beiden zutiefst verabscheuten islamistischen Unmenschlichkeiten zu erklären: "Aber bei den Kreuzzügen wurde doch auch..."
Diese Gegenüberstellung der Methoden wäre höchstens dann zulässig, wenn die Briten bei der gerade erfolgten Befreiung immer noch Giftgas oder ähnliche Waffen eingesetzt hätten. Das heißt natürlich nicht, daß nur genug Zeit vergehen muß und dann sind alle Untaten der Vergangenheit vergessen. Aber es heißt, daß man zunächst mal Methoden und Motive im Jetzt betrachten muß.
Selbstverständlich ist der Irak (noch) längst nicht Teil unserer Wertegemeinschaft. Er ist aber sicher näher dran als unter Saddam, der hunderttausende Männer, Frauen und Kinder in Massengräbern verscharren ließ. Derartiges findet jetzt im Irak nicht mehr statt. Daß es so bleibt, daran muß gearbeitet werden.
"Mit vergangenen Untaten die heutigen wenn auch nicht rechtfertigen, so doch relativieren? Da hätte ich mehr von Ihnen erwartet."
Da ich von dem universalen Charakter der Menschen- und Buergerrechte ausgehe, liegt es mir fern, ein Gewaltverbrechen mit einem vorangegangenen zu rechtfertigen oder zu "relativieren" (im Sinne einer Minimierung der Schuld der Taeter). Mir geht es darum, aufzuzeigen, dass die geschichtsblinde Daemonisierung des irakischen Baath-Regimes als eines (zumindest im regionalen Kontext des Nahen und Mittleren Ostens) dazu gefuehrt hat, in der "Koalition der Willigen" gleichsam eine Wiederauflage der Anti-Hitler-Koalition zu sehen und jedwede Kritik an der Invasion des Irak als ein "Appeasement" im Stile Chamberlains und Daladiers zu verdammen. Tatsaechlich jedoch ist die Identifikation ausgerechnet Saddam Husseins - des Kontrahenten der iranischen Islamofaschisten - mit Hitler voellig abwegig. "Halabja" ist kein irakisches Auschwitz, sondern ein Kriegsverbrechen im Stile der europaeischen Kolonialmaechte. Auch im Falle des 3. Golfkrieges wurde also "Auschwitz" seitens der Befuerworter eines Angriffskrieges instrumentalisiert. Diese haetten, im Falle eines Respekts vor historischen Tatsachen, im Zusammenhang mit "Halabja" argumentieren muessen, Saddam Hussein muesse (unter anderem) deshalb gestuerzt werden, weil er sich so verhielt, wie gleichfalls im Irak, allerdings in frueheren Jahrzehnten, die Briten. Dass dies propagandistisch kontraproduktiv gewesen waere, liegt mit Blick auf die Kriegsbeteiligung Grossbritanniens 2003 auf der Hand. Nur: Kann ein Krieg, der unter Rueckgriff auf Geschichtsklitterung "legitimiert" werden muss, rechtlichen, politischen und moralischen Standards einer Zivilisation, die das klassische und das moderne Voelkerrecht hervorgebracht hat, genuegen?
Schikora
(22.10.06 14:12)
"Mit der gleichen Argumentationsweise versuchen doch auch unsere Gutmenschen ständig, die von uns beiden zutiefst verabscheuten islamistischen Unmenschlichkeiten zu erklären: 'Aber bei den Kreuzzügen wurde doch auch...'"
Faellt Ihnen nicht auf, dass Ihre Argumentation - "Unter Saddam Hussein starben auch Menschen" - dieser Sentenz strukturell zumindest sehr nahe ist.
"Diese Gegenüberstellung der Methoden wäre höchstens dann zulässig, wenn die Briten bei der gerade erfolgten Befreiung immer noch Giftgas oder ähnliche Waffen eingesetzt hätten. Das heißt natürlich nicht, daß nur genug Zeit vergehen muß und dann sind alle Untaten der Vergangenheit vergessen. Aber es heißt, daß man zunächst mal Methoden und Motive im Jetzt betrachten muß."
Es ging mir auch nicht darum, die Briten im besonderen fuer irgend eine aktive Irak-Politik als "unqualifiziert" zu brandmarken.
Schikora
(22.10.06 14:13)
"Selbstverständlich ist der Irak (noch) längst nicht Teil unserer Wertegemeinschaft. Er ist aber sicher näher dran als unter Saddam, der hunderttausende Männer, Frauen und Kinder in Massengräbern verscharren ließ. Derartiges findet jetzt im Irak nicht mehr statt. Daß es so bleibt, daran muß gearbeitet werden."
Ihre ethisch-moralische Praemisse, dass ein Regime bereits dann legitim ist, wenn es weniger (Todes-)Opfer produziert, als das vorangegangene, kann ich beim besten Willen nicht teilen. Erstaunlich, dass wir gleichwohl, wenn es nicht gerade um den Irak geht, immer wieder zu verwandten Werturteilen gerade in Fragen der Bekaempfung des Islamismis finden.
In der Tat stand Wolf Biermann Guenter Grass in nichts nach, als es darum ging, fuer die Anliegen albanischer (und tschetschenischer) Terroristen zu werben. In diesem Sinne denunzierte Biermann im April 1999 jeden, der - wie auch ich - der NATO-Aggression gegen Jugoslawien ablehnend gegenueberstand, allen Ernstes als einen Parteigaenger Jelzins, Handkes, Saddam Husseins, Sharons und Gysis - und einen Beklatscher (angeblicher) jugoslawischer Verbrechen:
" [...] Wer klatscht / Beifall / nun für diese Völkerklatscher auf´m Balkan? Jelzin klatscht / und Handke, Saddam Hussein, Sharon, so Siedler klatschen / in der Westbank. Auf dem Alex filmt die Tagesschau IM / „Notar“ / den flotten Spitzel, wie er Friedensphrasen feuert / wie er´s Wort da redet einem faulen Frieden vor / Kadaver-Kadern und riskiert die falsche Lippe. [...]"
http://www.laostagebuch.net/04_02_05.html
Nun soll hier nicht der Eindruck erweckt werden, der politisch korrekte "Intellektuelle" habe bei der Anfeindung von "Milosevic-Freunden" moralische - oder stilistische - Negativstandards gesetzt. Dem ist gewiss nicht so, seine Tiraden fuegten sich 1999 sehr gut in den von rot-gruenen "Friedensfreunden" dominierten bundesdeutschen mainstream ein. Auch dies sollte niemals vergessen werden.
GeistesWelt
/ Website
(22.10.06 16:12)
@Schikora: Es ist nicht einfach in einem Konflikt als Unbeteiligter einen Standpunkt einzunehmen. Die Tatsache, dass Biermann im Jugoslawienkonflikt mit der Mehrheitsmeinung schwamm und jetzt gegen sie schwimmt, zeigt doch, dass sein Denken nicht ideologisch fixiert ist, sondern eigentständig ist. Für einen Intellektuellen unserer Zeit finde ich das bemerkenswert!
Mir
(22.10.06 17:17)
Um es noch einmal zu sagen: Die Verhältnisse im Irak sind bei weitem nicht so, wie sie in einer perfekten Welt sein sollten. Aber sie haben sich gegenüber Saddams Regime gebessert und werden das trotz einiger jüngerer Rückschläge hoffentlich weiterhin tun.
Grass schwimmt ebenfalls nicht IMMER mit der "Mehrheitsmeinung": Seiner primitiven Hetze gegen die konservativ-rechtsliberale Regierung in Oesterreich (1999/2000) oder der poebelhaften Agitation fuer eine EU-Vollmitgliedschaft des Folterstaates am Bosporus samt Verunglipfung aller Skeptiker als NPD-konformer Fremdenfeinde (2004) konnte selbst so mancher biedere Sozialdemokrat nichts abgewinnen. Solche dumpfen Pro-Schroeder-Proklamationen waren in der deutschen Bevoelkerung niemals mehrheitsfaehig. Gleichwohl sind Grass' Stellungnahmen der vergangenen Jahre niemals in irgend einer Weise zivilcouragiert gewesen, und auch Biermann wird nicht deshalb zu einem Emile Zola, weil er - nach dem Jugoslawienkrieg - auch einem zweiten, in Deutschland ausgesprochen uebel beleumdeten Angriffskrieg applaudiert.
"Um es noch einmal zu sagen: Die Verhältnisse im Irak sind bei weitem nicht so, wie sie in einer perfekten Welt sein sollten. Aber sie haben sich gegenüber Saddams Regime gebessert und werden das trotz einiger jüngerer Rückschläge hoffentlich weiterhin tun."
In Tschetschenien wurde - dank Putin - ein radikal-islamistisches durch ein halbwegs saekulares Regime ersetzt. Sind wir uns wenigstens darueber einig, dass der militaerische Sturz radikal-islamistischer Regime (so auch der Theokratie der Taliban in Afghanistan) in groesserem Masse legitim ist, als die Etablierung ("gemaessigt"-)islamistischer Regime in Laendern, die bislang halbwegs saekularistisch orientiert waren?
Ich hätte nichts gegen einen Sturz des islamistischen Regimes in Teheran einzuwenden - möglichst ohne große Opferzahlen, wie es im Irak gelang. In der Tat sehe ich über kurz oder lang kaum Alternativen für uns. Allerdings sollte Ihnen klar sein, daß auch der Sturz eines noch so brutalen islamistischen Regimes ohne UN-Mandat "völkerrechtswidrig" ist. Insofern kann es kein "Mehr" oder "Weniger" an Legitimität geben. Zumindest, wenn man - anders als ich - dieses "Völkerrecht" einer korrupten und verbrecherischen Organisation wie der UNO für den zentralen Maßstab hält.